Die Sache mit der Energie

Frau mit pinkem Regenschirm auf nasser Straße, symbolisiert Energie und Wandel in der Midlife-Phase, passend zum Thema "Die Sache mit der Energie".

Neulich hörte ich in „Hotel Matze“, dem Podcast von Matze Hielscher, einen Satz, der mich sofort erwischt hat.
Gesagt hat ihn der Psychotherapeut Gunther Schmidt:

Wenn Sie etwas verstärken möchten, dann kämpfen Sie am besten dagegen an.

Ich hätte ihm fast eine E-Mail geschrieben. Betreff: Wie meinen Sie das genau? Anhang: mein Tagebuch.
Denn ich kämpfe. Nicht gegen das Patriarchat. Nicht im aktuellen Generationenkonflikt. Nicht einmal gegen Falten.
Ich kämpfe gegen mein sinkendes Energielevel.

Dieses leise, kontinuierliche Schrumpfen der Kraft, die früher selbstverständlich war. Wie ein Wollpullover, der einmal zu heiß gewaschen wurde und jetzt nur noch Barbie passt. Weniger Energie hat natürlich Auswirkungen auf den Alltag – es passt schlicht nicht mehr so viel hinein.
Und ich – Kämpferin in eigener Sache – greife zu meinen üblichen Strategien:

  • Innere Motivationsreden.
    Mehr Disziplin. Besseres Zeitmanagement. Früher aufstehen. Später schlafen.
  • Ausreden.
    Stress im Job. Zu viele Projekte. Schlechter Schlaf. Mondphase. Weltlage.
  • Überspielen.
    Was nicht sein darf, wird wegorganisiert.

Und wenn mein Tagesziel trotz aller Kraftanstrengung nicht erreicht ist, erlebe ich eine Art heilige Dreifaltigkeit: Wut, Selbstkritik und schlechte Laune.
Und ganz tief darunter liegt noch etwas, das ich lange nicht benennen wollte: Scham.
Scham darüber, nicht mehr so belastbar zu sein, wie ich es von mir gewohnt war. Nicht mehr so viel wegzustecken. Nicht mehr alles zu schaffen.

Wir Mittfünfziger sind eine Generation, die gelernt hat zu funktionieren. Durchzuziehen. Leistung zu bringen. Nicht nachzulassen.
Wenn meine Energie nachlässt, fühlt sich das nicht wie eine natürliche Veränderung an. Sondern wie ein persönliches Versagen.
Und während ich mit aller Macht dagegen ankämpfe, passiert genau das Gegenteil. Die Müdigkeit wächst, die Zeit rennt noch schneller und meine Zufriedenheit zieht ins fünfte Untergeschoss.

Gunther Schmidt im Podcast hatte recht. Natürlich hatte er das. Widerstand verstärkt. Nun, da ich das begriffen habe, suche ich nach besseren Wegen, damit umzugehen. Akzeptanz ist ein erster Schritt, sich dieser Tatsache einmal auf eine ganz andere Art zu nähern.

Energie ist kein Problem. Energie ist ein Budget.

Lange habe ich versucht, meine Energie zu verlängern. Durch mehr Struktur. Durch mehr Disziplin. Durch mehr Effizienz.
Inzwischen ist die Erkenntnis gereift: Fehlende Energie lässt sich nicht beliebig nachtanken. Aber vorhandene Energie kann besser eingesetzt werden. Und genau hier beginnen für mich gerade zwei neue Schritte.

Schritt 1: Energie strategisch führen

Die alte Frage lautete: Wie schaffe ich alles?
Die neue Frage lautet: Was verdient meine Energie wirklich?

Das verändert einiges: ein paar Dinge fliegen raus, ein paar Dinge bleiben – bewusst!
Und manches bekommt plötzlich Raum:

Erholung.
Konzentration.
Fokus.


Nicht alles, was weniger wird, ist Verlust. Manches ist Präzision.

Schritt 2: Den Gedanken hinter der Scham prüfen

Scham entsteht nicht einfach so. Sie hängt an einem Gedanken. Zum Beispiel an diesen:
Ich darf nicht nachlassen.
Ich muss mithalten.
Mein Wert hängt davon ab, wie viel ich schaffe.

Diese Gedanken haben mich jahrzehntelang angetrieben. Aber irgendwann muss man anfangen, sie zu prüfen. Nicht jede Überzeugung, die uns stark gemacht hat, bleibt für immer richtig.
Ich schaue inzwischen weniger auf meine To-do-Liste. Sondern auf den Gedanken dahinter. Und immer öfter stelle ich mir nur noch eine Frage:
Verdient das wirklich meine Energie?

Porträt von Mari Fährmann, einer Frau in einem weißen Hemd, die freundlich in die Kamera lächelt, vor neutralem Hintergrund.
Mari Fährmann
Bloggerin / Autorin
Mari Fährmann schreibt über das Leben nach 50 – diesen merkwürdigen Ort zwischen Sichtbarkeit und Seniorenrabatt. Sie glaubt an Haltung, Humor und daran, dass ein Blog mehr bewegen kann als ein Yoga-Retreat bei Vollmond.
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