Wenn ich an Jahreswechsel denke, bin ich erst einmal genervt von dieser kollektiven „auf die Plätze, fertig, los“-Stimmung. Ein großes Kaufhaus zeigt mir noch schnell ein Versace-Cocktailkleid, dazu Slingpumps mit Schmucksteinen. Alles bereit für die eine Nacht, in der plötzlich alle elegant sein wollen. Ich frage mich jedes Jahr aufs Neue, woher dieser Wunsch kommt, wenn wir die übrigen 364 Tage ziemlich zuverlässig in Jeans, Pulli und Sneakern verbringen. Vielleicht bin ich da nicht repräsentativ. Ich verbringe den Jahreswechsel seit vielen Jahren an der Küste, zwischen Schafen und Salzwiesen. Da wären Slingpumps tatsächlich Perlen vor die Säue werfen.
Ich habe viele Silvester in Clubs, Theatern, Partyzelten und Esszimmern verbracht. Bei Raclette, Bleigießen und Gesprächen, die spätestens um 22:45 Uhr zäh wurden. Fast immer hatte ich kurz vor elf diesen einen Gedanken: Ich würde jetzt gern nach Hause gehen. Zu laute Musik. Zu angestrengte Stimmung. Zu viele Leute, die sich fest vorgenommen hatten, gut drauf zu sein.
Irgendwann haben mein Mann und ich damit aufgehört. Seit über zehn Jahren packen wir die Koffer und fahren an die Nordsee. Mittags essen wir an der Strandpromenade, danach ein langer Spaziergang mit den Hunden. Abends graben wir uns im Ferienhaus ein. Netflix, kurz vor Mitternacht ins Bett. Einmal aufwachen wegen der Knallerei, dann wieder einschlafen.


Am 1. Januar stehen wir früh auf, gehen ins Fitnessstudio und anschließend zum Brunch.
Happy New Year.
Meine Vorsätze schreibe ich erst an diesem Morgen auf. Keinen Tag früher. Das fühlt sich für mich an wie früher in der Schule: ein neues Heft beginnen, mit Schönschrift und Mühe auf der ersten Seite. Nicht auf der letzten Seite eines bereits vollen Hefts. Natürlich schwirren da schon Gedanken durch meinen Kopf. Aber solange ich noch im Weihnachtsmodus bin – mit Wein, Süßkram und kneifendem Hosenbund –, wäre es etwas heuchlerisch, mit Disziplin und Selbstoptimierung vorzusprechen. Manchmal denke ich, ich ticke beim Thema Silvester ein bisschen anders als der Rest der Welt. Und manchmal denke ich: vielleicht auch nicht.
Vielleicht zählt am Ende weniger, wie man ins neue Jahr startet,
sondern wie man unterwegs bleibt.
Mit Zielen, die sich bewegen dürfen.
Und mit genug Freude, um sie nicht gleich wieder fallen zu lassen.



